Was lebt eigentlich auf unserer Zahnbürste? Eine überraschende Welt aus Viren und Bakterien

Mehr als 600 verschiedene Viren fanden Forschende auf Zahnbürsten und Duschköpfen. Das klingt zunächst wenig appetitlich – ist aber kein Grund zur Panik. Denn die meisten dieser Viren interessieren sich überhaupt nicht für uns Menschen, sondern für Bakterien. Ein faszinierender Blick auf die unsichtbare Welt in unserem Badezimmer.

Eine Zahnbürste als kleines Ökosystem

Zweimal täglich nehmen wir sie in die Hand, geben Zahnpasta darauf, putzen unsere Zähne – und stellen sie anschließend zurück ins Badezimmer.

Doch was passiert eigentlich auf einer Zahnbürste zwischen zwei Putzvorgängen?

Diese Frage hat ein Forschungsteam der Northwestern University in den USA genauer untersucht. Und die Ergebnisse zeigen eine erstaunliche biologische Vielfalt.

Die Forschenden analysierten Proben von 34 Zahnbürsten und 92 Duschköpfen. Dabei fanden sie Hunderte verschiedene virale Gruppen. Insgesamt wurden 614 virale OTUs mit ausreichender Qualität beziehungsweise Abdeckung für weitere Analysen identifiziert. Viele davon waren wissenschaftlich bislang kaum charakterisiert.

Das klingt im ersten Moment vielleicht beunruhigend.

Doch genau hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Viren auf der Zahnbürste? Ja – aber nicht so, wie viele denken

Wenn wir das Wort „Virus“ hören, denken wir meist sofort an Grippe, Corona oder andere Infektionskrankheiten.

Bei den Viren aus der Untersuchung handelt es sich jedoch überwiegend um sogenannte Bakteriophagen, kurz Phagen.

Das sind Viren, die Bakterien infizieren.

Sie benötigen bestimmte Bakterien als Wirtszellen, um sich vermehren zu können. Für Menschen sind diese Phagen deshalb nicht automatisch Krankheitserreger.

Und sie sind keineswegs etwas Exotisches.

Bakteriophagen gehören vermutlich zu den häufigsten biologischen Einheiten auf unserem Planeten. Sie befinden sich im Wasser, im Boden, auf Oberflächen und auch in und auf unserem Körper.

Die Originalstudie in Frontiers in Microbiomes

Jede Zahnbürste ist anders

Eine besonders interessante Erkenntnis der Studie: Die mikrobiellen Gemeinschaften unterschieden sich teilweise erheblich.

Zahnbürsten und Duschköpfe hatten beispielsweise sehr unterschiedliche Phagengemeinschaften. Nur wenige der untersuchten Bakterienfamilien, denen Phagen zugeordnet werden konnten, kamen in beiden Lebensräumen vor.

Unsere Zahnbürste ist also keineswegs einfach nur eine Oberfläche, auf der sich wahllos „Keime“ sammeln.

Sie entwickelt vielmehr ein eigenes kleines mikrobielles Ökosystem.

Das ist auch logisch: Beim Zähneputzen gelangen Mikroorganismen aus unserem Mund auf die Bürste. Hinzu kommen Mikroorganismen aus Wasser und Umgebung. Anschließend verändert sich die Zahnbürste beim Trocknen erneut.

Feuchtigkeit, Temperatur, Nutzungsdauer, Mundflora und Umgebung schaffen damit einen ganz besonderen Lebensraum.

Auch Bakterien fühlen sich auf Zahnbürsten wohl

Die Virenstudie ist nicht die erste Untersuchung dieser Art.

Bereits 2020 beschäftigte sich eine deutsche Forschungsgruppe mit dem „Toothbrush Microbiome“ – also dem Mikrobiom der Zahnbürste.

Mittels moderner DNA-Sequenzierung untersuchten die Wissenschaftler gebrauchte Zahnbürsten und fanden verschiedene Bakteriengruppen. Interessant war dabei unter anderem, dass sich die Zusammensetzung der mikrobiellen Gemeinschaft abhängig von Nutzungsdauer und Alter der Nutzerinnen und Nutzer unterschied.

Studie „The Toothbrush Microbiome“

Damit wird deutlich: Eine benutzte Zahnbürste ist biologisch betrachtet tatsächlich ein ziemlich lebendiger Ort.

Muss uns das jetzt Sorgen machen?

Nein.

Und genau das ist vielleicht die wichtigste Botschaft dieser Forschung.

Mikroorganismen gehören zu unserem Leben.

Auch unser Mund selbst ist alles andere als steril. Dort leben Hunderte verschiedene Arten von Mikroorganismen. Zusammen bilden sie das orale Mikrobiom.

Viele dieser Mikroorganismen sind harmlos oder sogar Teil eines gesunden biologischen Gleichgewichts.

Das Ziel guter Mundhygiene besteht deshalb auch nicht darin, den Mund zu „sterilisieren“.

Beim Zähneputzen geht es vielmehr darum, den bakteriellen Biofilm auf den Zahnoberflächen regelmäßig mechanisch zu entfernen und damit Bedingungen zu verhindern, unter denen beispielsweise Karies oder Zahnfleischentzündungen entstehen können.

Also die Zahnbürste nach jedem Putzen desinfizieren?

Auch das lässt sich aus den Studien nicht ableiten.

Dass Forschende Mikroorganismen auf einer Zahnbürste nachweisen können, bedeutet nicht automatisch, dass von dieser Zahnbürste eine Gesundheitsgefahr ausgeht.

Eine übertriebene Desinfektion ist daher nicht erforderlich.

Sinnvoll ist vielmehr ein ganz normaler hygienischer Umgang mit der Zahnbürste:

  • nach dem Zähneputzen gründlich ausspülen,
  • überschüssiges Wasser abschütteln,
  • die Bürste möglichst offen und gut belüftet trocknen lassen,
  • Zahnbürsten verschiedener Personen nicht gemeinsam benutzen,
  • und die Bürste beziehungsweise den Bürstenkopf regelmäßig austauschen.

Das deutsche Gesundheitsportal des Bundes empfiehlt einen Wechsel mindestens alle drei Monate, da die Borsten mit der Zeit verschleißen, schlechter reinigen und unter Umständen das Zahnfleisch verletzen können.

Informationen des Bundes zur Zahnpflege und Mundhygiene

Das eigentlich Spannende: Können diese Viren uns irgendwann sogar helfen?

Hier wird die Forschung besonders interessant.

Bakteriophagen haben eine bemerkenswerte Eigenschaft: Viele von ihnen sind auf bestimmte Bakterien spezialisiert.

Sie können diese Bakterien infizieren und teilweise zerstören.

Genau deshalb interessieren sich Wissenschaftler seit einiger Zeit wieder verstärkt für die sogenannte Phagentherapie.

Vor dem Hintergrund zunehmender Antibiotikaresistenzen stellt sich beispielsweise die Frage, ob bestimmte Phagen künftig gezielt gegen krankmachende Bakterien eingesetzt werden könnten.

Auch die Forschenden der Northwestern University sehen in der enormen Vielfalt bislang kaum untersuchter Phagen ein wissenschaftliches Potenzial. Die aktuelle Untersuchung liefert dafür allerdings zunächst Grundlagenwissen – sie zeigt nicht, dass Phagen von Zahnbürsten bereits therapeutisch eingesetzt werden könnten.

Bis daraus konkrete medizinische Anwendungen entstehen, ist noch viel Forschung notwendig.

Vom Mund auf die Zahnbürste – und wieder zurück?

Spannend ist die Studie auch im Zusammenhang mit der aktuellen Forschung zum oralen Mikrobiom.

Wir wissen heute immer besser, dass Bakterien, Viren und Pilze im Mund nicht isoliert voneinander existieren. Sie bilden komplexe Gemeinschaften und beeinflussen sich gegenseitig.

Auch Erkrankungen wie Karies und Parodontitis werden deshalb zunehmend als Ergebnis eines gestörten mikrobiellen Gleichgewichts verstanden – zusammen mit individuellen Faktoren und der Reaktion unseres Immunsystems.

Damit passt die Zahnbürstenstudie zu einer Entwicklung, über die wir bereits in unserem Beitrag über die mögliche Rolle von Viren bei Parodontitis berichtet haben:

Die mikroskopische Welt unseres Mundes ist wesentlich komplexer, als wir lange angenommen haben.

Was bedeutet das für die tägliche Zahnpflege?

Trotz all dieser faszinierenden Forschung bleibt die praktische Empfehlung erfreulich unkompliziert:

Putzen Sie Ihre Zähne regelmäßig und gründlich.

Mindestens zweimal täglich mit fluoridhaltiger Zahnpasta, ergänzt um die Reinigung der Zahnzwischenräume. Eine Zahnbürste sollte außerdem nicht benutzt werden, bis die Borsten in alle Richtungen stehen.

Und selbst die beste Zahnbürste erreicht nicht jeden Bereich vollständig.

Deshalb gehören regelmäßige zahnärztliche Kontrollen und eine individuell abgestimmte Prophylaxe zu einer nachhaltigen Mundgesundheit.

Bei Parcside Dental am Stadtpark in Nürnberg schauen wir dabei nicht nur auf einzelne Zähne. Moderne Prophylaxe bedeutet für uns auch, das individuelle Risiko für Karies, Zahnfleischerkrankungen und Parodontitis zu erkennen und die häusliche Mundpflege darauf abzustimmen.

FAQ – Was Sie über Mikroorganismen auf Zahnbürsten wissen sollten

Sind Bakterien auf meiner Zahnbürste gefährlich?

Allein der Nachweis von Bakterien bedeutet noch keine Gesundheitsgefahr. Unser Körper und insbesondere unser Mund sind natürlicherweise von Mikroorganismen besiedelt.

Sind auf meiner Zahnbürste wirklich Viren?

Ja. Die aktuelle Studie zeigt eine erstaunlich große Vielfalt. Dabei handelt es sich überwiegend um Bakteriophagen – also Viren, deren Wirte Bakterien sind.

Kann ich mich durch die Viren auf meiner Zahnbürste anstecken?

Die untersuchten Phagen sind nicht mit klassischen menschlichen Erkältungs- oder Grippeviren gleichzusetzen. Die Studie liefert keinen Anlass, benutzte Zahnbürsten aufgrund der gefundenen Phagen als gesundheitliche Gefahr einzustufen.

Sollte ich meine Zahnbürste desinfizieren?

Eine routinemäßige aggressive Desinfektion ist aufgrund dieser Forschung nicht notwendig. Nach dem Putzen gründlich ausspülen und gut trocknen lassen ist im normalen Alltag ausreichend.

Wie oft sollte ich meine Zahnbürste wechseln?

Als Orientierung empfiehlt das Gesundheitsportal des Bundes einen Austausch spätestens nach etwa drei Monaten. Sind die Borsten vorher stark abgenutzt oder verbogen, sollte früher gewechselt werden.

Sollte ich meine Zahnbürste mit anderen teilen?

Nein. Eine Zahnbürste ist ein persönlicher Hygieneartikel und sollte nicht gemeinsam verwendet werden.

Was sind Bakteriophagen?

Bakteriophagen sind Viren, die Bakterien infizieren. Aufgrund ihrer teilweise hohen Spezifität wird erforscht, ob bestimmte Phagen zukünftig medizinisch gegen problematische Bakterien eingesetzt werden könnten.

Fazit: Kein Grund zum Ekeln – sondern zum Staunen

Mehr als 600 unterschiedliche virale Einheiten auf Zahnbürsten und Duschköpfen: Als Schlagzeile klingt das zunächst nach einem Hygieneproblem.

Die eigentliche Botschaft der Forschung ist aber viel interessanter.

Unsere unmittelbare Umgebung beherbergt eine enorme und bislang nur teilweise erforschte mikrobielle Vielfalt. Selbst ein so alltäglicher Gegenstand wie eine Zahnbürste kann ein eigenes kleines Ökosystem aus Bakterien und den Viren bilden, die diese Bakterien befallen.

Das ist kein Grund, die Zahnbürste künftig nach jedem Gebrauch zu desinfizieren. Es ist vielmehr ein faszinierendes Beispiel dafür, wie wenig wir über die mikroskopische Welt unseres Alltags teilweise noch wissen.

Und vielleicht steckt in einem der bislang unbekannten Bakteriophagen eines Tages sogar ein Ansatz für eine neue medizinische Therapie.

Bei Parcside Dental in Nürnberg am Stadtpark verfolgen wir solche Entwicklungen aus Forschung und Wissenschaft mit großem Interesse. Denn moderne Zahnmedizin bedeutet für uns auch, neue Erkenntnisse einzuordnen – und daraus das herauszufiltern, was für die Mundgesundheit unserer Patientinnen und Patienten tatsächlich relevant ist.

Passend dazu auf unserer Website: Prophylaxe bei Parcside Dental und weitere Beiträge aus unserem Blog.

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